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Bevor diese Frage näher erörtert werden soll, könnte man noch eine andere, auf den ersten Blick ähnliche Frage stellen: Wonach richtet sich der "Wert" einer Geige?
Für einen Musiker kann eine bestimmte Geige einen erheblichen Wert haben, der
sich wenig oder gar nicht in finanziellen Einheiten ausdrücken lässt. Er mag den
Wert nach dem Klang des Instrumentes bemessen. Oder weil ihm die Geige aufgrund
der Form, der Abmessung oder sonstiger baulicher Gegebenheiten besonders gut
liegt. Weil sie seinem individuellen Spielstil am besten unterstützt. Weil sie
ihn inspiriert.
Für einen Sammler mag der Wert einer Geige in ihrer Einzigartigkeit oder
Seltenheit begründet liegen. Oder aber in der Bedeutung, die eine bestimmte
Geige für seine Sammlung hat (wenn er z. B. einen bestimmten Sammel-Schwerpunkt
hat usw.).
Für einen wissenschaftlich arbeitenden Leiter einer musealen
Instrumentensammlung ist ein Instrument, das im Originalzustand
ist (mit originalen Wirbeln, Bassbalken usw.) von großem Wert. Für
Musiker und Sammler unbrauchbar bzw.
uninteressant, zählt es in einem Museum zu einem der kunsthistorischen Schätze.
Für all diese Gegebenheiten kann sich der "Wert" einer Geige subjektiv ermessen
lassen. Spiegelt sich dieser Wert jedoch stets im Preis wider, den man am Markt
erzielen kann?
Preisfindung bei einer alten Geige
Aus allen oben genannten Ambitionen, denen der Sammler, der Musiker, der
Wissenschaftler usw. ergibt es sich ein Marktwerk. Das heißt, das Interesse
(wenn auch unterschiedlicher Natur) an einem Instrument erhöht dessen
finanziellen Wert oder Preis.
Preisbestimmend dabei ist in erster Linie wer das Instrument gebaut hat bzw. dessen Ruf oder Wertschätzung als Geigenbauer; dann der Zustand des Instrumentes in Abhängigkeit seines Alters und dann sein musikalischer Wert. Wobei letzteres bei der Erstellung einer Expertise keine Bedeutung hat, wie weiter unten noch erklärt wird. Weitere Faktoren sind: künstlerische Aspekte, Schönheit und die Vergangenheit der Geige (wer hat sie bis jetzt gespielt). Einigen Geigenbauern ist es gelungen, nicht nur ansprechende Musikinstrumente zu schaffen, sonder sie durch die Formgebung, Proportion und Gesamtkonzeption in den Bereich der Kunst zu erheben. Modelle, die keinen nennenswerten künstlerischen Anspruch haben, können dennoch sehr "schön" sein. Eine Geige, die beispielsweise von Yehudi Menuhin oder Paganini gespielt worden ist, dürfte auch ein Mehr an Aufmerksamkeit erfahren. Natürlich gibt es auch Instrumente, die all diese Ansprüche auf einmal vereinen und deshalb in der heutigen Zeit mit astronomischen Summen bedacht werden.
Die Herkunft kann von einem Fachmann beurteilt werden. Diese Bestätigung ist
nicht absolut, sondern basiert auf Erfahrung und Wissen des Experten. Hier ist
es ähnlich wie mit der Geige selbst: So wie der Wert der Geige vom Ruf des
Erbauers abhängt, so hängt der Wert einer Expertise vom Ruf des Experten ab.
Beispielsweise ist die Einschätzung eines Hill / London über die Echtheit eines
alten Cremoneser Instruments von Stradivari, Bergonzi, Amati usw.
unvergleichlich mehr wert, als die von XY.
Ich habe es schon des Öfteren erlebt, das namhafte Experten, sich nicht
festlegen können und wollen, weil sie mit den Instrumenten eines infrage
kommendes Erbauers nicht so gut vertraut sind. Dies ist kein Mangel an
Qualifikation, sondern zeigt zum einen die Komplexität des Problems und zum
anderen die Ehrlichkeit des Experten. Vorsicht ist bei (selbsternannten) Experten angebracht, die
scheinbar die Werke aller ca. 10.000 Geigenbauer der letzten Jahrhunderte in
kurzer Zeit identifizieren können.
Auch in der Geigenkennerschaft haben sich Spezialisten herausgebildet. Jemand,
der sich mit deutschen Geigen sehr gut auskennt, muss nicht unbedingt auch
Fachmann für italienische Geigen sein. Ein guter Geigenbauer muss nicht
zwangsläufig ein guter Kenner alter Geigen sein. Es kommt letztlich darauf an,
wie viele und welche Instrumente man die Gelegenheit hatte, zu studieren. Händler
und Reparateure haben oft mehr Möglichkeiten sich dieses Wissen
anzueignen. Die Sammlung entsprechender Referenzinstrumente ist sehr
aufwändig, aber unter Umständen nötig, um wahre Kennerschaft zu erlangen.
Will man also den optimalen Preis für sein Instrument erzielen, ist eine
anerkannte Expertise sicherlich empfehlenswert. Oder in anderen Worten wird sie
dabei helfen, das Instrument entsprechend seines finanziellen Marktwertes am
Markt auch angemessen platzieren zu können. Sie ist aber noch kein Garant dafür,
diesen Preis auch erzielen zu können.
Reparaturen und Beschädigungen, Risse und Ähnliches werden wie bereits erwähnt,
den Preis beeinflussen. Hierbei kann man beobachten, dass Beschädigungen und
Reparaturen "wertvollen" Instrumenten im Preis nicht so sehr schaden wie
durchschnittlichen Instrumenten. So gilt ein gut reparierter Stimmriss bei einem
namhaften Instrument als guter Zustand. Derselbe Makel kann einer gut klingenden
Manufakturgeige einen großen Teil ihres finanziellen Wertes rauben. Natürlich
spielt hier auch das Alter eines Instrumentes eine Rolle. Bei einer sehr alten
Geige ist davon auszugehen, dass sie schon viele Reparaturen "erlebt" hat. Daher
fällt hier ein Riss mehr oder weniger nicht so sehr ins Gewicht, wie bei einem
Instrument, das erstmalig einen Schaden aufweist und nicht so alt ist. Weitere
Informationen über die Wertminderung bei bestimmten Schäden finden Sie hier:
Die wert- und tonmindernden Schäden alter Instrumente.
Auch an dieser Stelle nochmals der Kerngedanke: Eine Geige ist soviel wert, wie
jemand bereit ist dafür zu bezahlen. Man kann also noch so viele
Preisvorstellungen auf einem Papier oder im Kopf haben, wenn der Markt nicht
bereit ist, diese anzunehmen, so bleibt dies nur ein Preiswunsch.
Der Marktwert einer Geige wird daher in erster Linie von Sammlern und Händlern
beeinflusst. Durch das Interesse dieser beiden Gruppen entstehen Preise, die zum
Teil weit über den musikalischen Wert hinausgehen. Dieses Tatsache mag sich für
manchen Berufsmusiker insofern negativ auswirken, weil er aufgrund begrenzter
finanzieller Mittel nicht an die Instrumente gelangt, die er eigentlich zur
Ausübung seiner Kunst brauchen würde.
Das soll nun nicht heißen, dass der Musiker keinen Einfluss auf den Geigenmarkt
hat. Nur bei der Beurteilung des Marktwertes von Instrumenten ist es im Prinzip
unmöglich, auf das musikalische Potenzial einzugehen. Der Klang einer Geige
hängt von sehr vielen Faktoren ab: der Besaitung, dem Steg, der Stimme, dem
Bassbalken (und der Relation all dieser Dinge zueinander) und nicht zuletzt
vom Spieler selbst. Wie will man nun diesen höchst variablen Gegebenheiten bei
der Wert- bzw. Preiseinschätzung eines Instrumentes Rechnung tragen? Das wäre
unmöglich. So geht man eben davon aus, dass eine gute Geige von einem namhaften
Hersteller in gutem Zustand und unter der Voraussetzung dass sie richtig
eingestellt ist gut klingen wird.
Interessant ist auch folgende Beobachtung: Spitzeninstrumente klingen durch
unterschiedliche Spieler auch unterschiedlich, während durchschnittliche
Instrumente eher gleich klingen, obwohl unterschiedliche Spieler am Werke sind.
Dies hängt damit zusammen, dass die Spitzeninstrumente eher in der Lage sind,
die Nuancen unterschiedlicher Spielweise aufzunehmen und wiederzugeben. Dies nur
noch als weiterer Aspekt, wie schwer es wäre, bei der Preisfindung durch eine
Expertise den musikalischen Wert mit einzubeziehen.
Weitere Informationen finden Sie auch hier: Forum - Was ist meine Geige wert?
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