Italienische Streichinstrumente

2011-04-19

 

 

Teil 13 - Die Füssener Keimzelle des Geigen-Baues

Jacobus Stainer hat in Venedig, als er dort in den Jahren von etwa 1630 bis 1640 seine Lehre absolvierte, eine Gilde von deutschen Meistern vorgefunden (die Deutschen machen überhaupt einen stattlichen Anteil unter den Geigenbauern Italiens aus, vor allem Venedig und Rom), die nicht als eigentliche "italienische" Geigenbauer angesehen werden können. Wo kommen diese Macher wieder her, und wo haben sie ihr Handwerk gelernt?

Nach der bisherigen Annahme, dass Brescia die Wiege der Violine sei, müssten diese Meister in Brescia gelernt haben. Das ist aus mehreren Gründen recht unwahrscheinlich. Einmal müsste man dann folgern, dass sie sofort alles wieder vergessen hätten, was sie dort gesehen und gelernt hatten. Denn die Stilmerkmale, die Stainer in Venedig vorfand, hatten so gut wie nichts mit dem frühen Brescianer Modell zu tun. Etwas Zweites wäre nicht minder unwahrscheinlich: dass so viele Meister, die aus der gleichen deutschen Heimat kamen, geschlossen oder sukzessive von Brescia nach Venedig weitergewandert wären.

Brescia scheidet als Lehrstelle für die deutschen Meister in Venedig, bei denen Stainer in die Schule ging aus. Leichter als die Frage, wo die deutschen Venezianer gelernt haben ist die Frage zu beantworten, woher sie (unter Umgehung Brescias) kamen: aus Füssen.

Nun ist bemerkenswert, dass auch Gaspar Tieffenbrucker, der als Vorläufer der Geigenschule in Brescia angesehen wird, aus der nächsten Umgebung von Füssen stammt. Gaspar Tieffenbrucker (1514-1575) kommt aus Tieffenbruck bei Roßhaupten in der unmittelbaren Nähe Füssens. Tieffenbrucker muss lange in Füssen gearbeitet haben, da er mit 30 Jahren das dortige Bürgerrecht erhielt. Hier in Füssen hat er das Handwerk des Lauten- und Violenmachers gelernt, was dort also bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts möglich war. Als fertiger Meister ist er nach Frankreich ausgewandert. Sein Aufenthalt in Bologna wird heute vielerorts bezweifelt; sicher ist, dass er von etwa 1553 bis zu seinem Tode 1575 in Lyon als Luthier gearbeitet hat.

Seine Instrumente nähern sich zweifellos der späteren Geigenform Brescias an; doch sind Zweifel berechtigt, ob die ihm zugeschriebenen Vorformen der späteren Violine nicht Fälschungen von Jean Baptiste Vuillaume (1798- 1875) waren, der die Theorie der entscheidenden Entwicklung der Violine auf französischem Boden durch seine sicher meisterhaften, wenn nicht sogar genialen Imitationen nicht unerheblich manipuliert hat. Aber nicht alle Füssener Meister gingen nach Frankreich, nicht einmal aus der Familie Tieffenbrucker. Ein Leonardo Tieffenbrucker arbeitete als Lauten- und Violenmacher im 16. Jahrhundert in Padua. In Venedig nachgewiesen ist indessen Magnus Tieffenbrucker (1557- 1621). Auch er war möglicherweise noch überwiegend Lauten- und Violenmacher. Sein gleichnamiger Sohn war aber bereits auch Violinbauer, seine Venediger Arbeitszeit fällt in die Jahre von etwa 1580 bis 1640. Er kommt als möglicher Lehrer Stainers durchaus in Frage, ebenso aber der ebenfalls aus Füssen stammende, bereits erwähnte Matthäus Seelos (Sellas), der mit Sicherheit zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Venedig Violinen baute.

Sein Neffe Georg Seelos war eine Zeitlang in Bozen tätig (und beeinflusste seinerseits den "italienischen" Meister Matthias Alban) und ließ sich1646 in lnnsbruck nieder (als Stainer nach seiner Niederlassung in Absam fast ein Jahr in Venedig weilte). Auch der bereits erwähnte, aus Füssen stammende Martin Kaiser (1609-1694) arbeitete in Venedig. In Venedig fand sich also um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert eine Füssener Kolonie von Violen- und Violinmachern, die nicht der späteren, eigentlich erst von Stainer induzierten Geigenbauschule Venedigs zugezählt werden können. Diese Deutschen hatten mit Sicherheit nicht in Brescia gelernt, sondern sie hatten sich offenbar bereits ein "deutsches" Modell erarbeitet, entweder bevor sie nach Venedig kamen, oder auch auf italienischem Boden. Dieses Modell steht Cremona (und zwar den frühen Amati) näher als Brescia, und wenn die erfindungsreichen und auf eine lange Tradition als "luthiers" zurückblickenden Füssener überhaupt Inspirationen empfangen haben, so kamen sie aus dem frühen Cremona, aus der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Selbst wenn das der Fall war, was nicht auszuschließen ist (es brauchte ihnen ja nur eine frühe Amati - Violine als Studienobjekt zu dienen), bleibt ihr eigener Anteil an der Entwicklung eines frühen "deutschen" Modells unverkennbar. Dieses frühe deutsche Modell, das weder mit den Instrumenten Brescias noch Cremonas auch nur einigermaßen übereinstimmt (ganz zu schweigen vom späteren Venedig), fand Stainer in seiner Lehrzeit bei den Füssener Meistern in Venedig vor. Seine geniale Tat bestand nun darin, dieses Füssener Modell in Venedig dem Cremoneser Stil anzunähern, was kaum möglich gewesen wäre, wenn die Füssener ihrerseits stark auf der Cremoneser Tradition gefußt hätten.

Stainer "italienisierte" also den deutschen Violinzweig, der dann durch sein italienisches Modell eine ungeheure Wirkung auf gewisse Schulen Italiens ausübte, andererseits aber (ohne die handwerkliche Vollendung und den italienischen Lack Stainers) zum Prototyp der "deutschen" Violinen wurde.

Wichtig ist also der Umstand, dass sich das "deutsche" Modell in Venedig etabliert hatte, ehe dieses Zentrum - durch die starke Wirkung Stainers und kraft gewisser Einflüsse Cremonas - seine große Rolle für den Bau italienischer Geigen zu spielen begann: vom Ende des 17. Jahrhunderts an.

Mit freundlicher Genehmigung der Bayer AG

 

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