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Die historischen Instrumente und Ensembles

Für das Verständnis der historischen und der heutigen Situation müssen einige Sachverhalte ganz klar herausgearbeitet werden.


a) Man muss davon ausgehen, dass der Prozess der Ablösung der Violen und Gamben (in chorischer Form) durch die Instrumente der Geigenfamilie (im Orchester) zwar einige Zeit in Anspruch genommen hat, dass es sich dabei aber um eine Übergangsperiode mit ausgesprochener stilistischer Unsicherheit gehandelt hat. Es ist ferner daran festzuhalten, dass sich das Streichorchester mit Instrumenten der Geigenfamilie, also in der heutigen Form, relativ schnell etabliert
hat. In die früheren Violen- und Gamben-Ensembles, die noch kein Streichorchester im modernen Sinn darstellten, zogen die Violinen, als das dringend benötigte Diskant-Instrument, als erste ein, und zwar in chorischer Form im Jahre 1607, bei der Aufführung der Oper "Orfeo" von Monteverdi. Dieses vorübergehend gemischte Ensemble hielt sich nur relativ kurze Zeit, da die Violinen sehr bald die anderen Instrumente der Geigenfamilie: Viola, Violoncello und Violone, nach sich zogen, wobei die bisherigen Violen und Gamben innerhalb einiger Jahrzehnte aus dem sich definitiv formierenden Streichorchester verdrängt wurden. Dieser Prozess ist noch im 17. Jahrhundert, zum Teil bereits in der Jahrhundertmitte, zum Abschluss gekommen.


b) Daraus ergibt sich, dass die uns heute wieder in besonderer Weise interessierende Musik des Hochbarocks in chorischer, d. h. orchestraler Form gar nicht mit Instrumenten der Violen- und Gambenfamilie, sondern mit solchen der Geigenfamilie ausgeführt wurde. Dafür ist Johann Sebastian Bach ein klassisches Beispiel. In seinem Streicherensemble (Orchestersuiten, Passionen, Kantaten, Konzerten) sind die Instrumente der Geigenfamilie bereits fest etabliert. Die Ausnahmen betreffen stets solistische Partien. So sind zum Beispiel im 6. Brandenburgischen Konzert zwei konzertierende Violen da braccio und zwei Violen da gamba gegen ein kleines Ensemble von Violoncelli, Violone und Cembalo verwendet: hier ist die antikisierende Rolle von Violen und Gamben und ihr Kontrast zu den tiefen Geigeninstrumenten "historisch". Doch sind diese alten Instrumente solistisch eingesetzt, und dies gilt für die "obligaten" Solopartien für solche Instrumente (Viola da gamba, Viola d'amore) auch in Kantaten.


c) Die Violen und Gamben sind im 17. und 18. Jahrhundert natürlich nicht ausgestorben, aber sie verloren ihre "chorische" Rolle und dienten immer mehr und zuletzt nunmehr ausschließlich solistischen Partien und
der Kammermusik. Bei den alten Trio-Sonaten hat sich die Viola da gamba lange Zeit gegenüber dem Violoncello behauptet, auch noch zu einer Zeit, als letzteres im Streichorchester schon chorisch (ohne zusätzliche Gamben) vertreten war. Es ist bemerkenswert, dass J. S. Bach um 1720 seine sechs Suiten für das Violoncello und nicht etwa
für die Gambe schrieb. Die 6. Suite ist sogar für ein 5saitiges Violoncello piccolo gedacht, das wesentlich kleiner war als das normale Violoncello und eine oberste, 5. Saite in der Violonstimmung e (natürlich eine Oktave tiefer) aufwies. Diese Suiten sind so spezifisch für das Violoncello und dessen neue technische Möglichkeiten komponiert, dass sie auf einer Gambe kaum ausgeführt werden können. Bach hat Soli in rund zwölf Kantaten für das heute kaum mehr gebrauchte Violoncello piccolo geschrieben, das indessen alles andere als eine Gambe war.


d) Für das Streicherensemble des Barock-Orchesters, seit spätestens 1650, sind also nicht die Violen und Gamben, sondern die Instrumente der Geigenfamilie "historisch". Überdies gibt es diese Instrumente viel zahlreicher in originaler Form als die Gamben, die nur in seltenen Stücken wohlerhalten überliefert sind und für den Gebrauch in so genannten historischen Ensembles fast immer nachgebaut werden müssen. Die Instrumente der Geigenfamilie sind jedoch aus dem 17.-19. Jahrhundert in ausreichender Anzahl vorhanden. Da sich an der Violine und den anderen Instrumenten der Geigenfamilie seit dem 17. Jahrhundert nichts Entscheidendes mehr geändert hat, sind Instrumente dieser Gruppe, auch aus dem 18. und 19. Jahrhundert, für ein Barock-Orchester immer noch originaler und historischer als die meist nachgebauten Gamben, die im Streicher-Ensemble des Barock- Orchesters nicht mehr chorisch, sondern höchstens solistisch verwendet wurden.


e) Noch schwieriger werden die Verhältnisse, wenn wir die originalen Blasinstrumente betrachten. Die Blasinstrumente der Barockzeit (Oboen, Fagotte, Naturhörner, Trompeten) sind so gut wie ausgestorben und müssen bis auf wenige Ausnahmen nachgebaut werden. Sie sind also einmal fast nie original, ferner lassen sie alle technischen Errungenschaften vermissen, die gerade die Blasinstrumente in den letzten 250 Jahren entscheidend verändert und verbessert haben.


Zweifellos ist der Klang eines Naturhornes weicher, runder, geschmeidiger als der eines Ventilhornes, weil die Menge des Blechs beim Naturhorn geringer ist und der Luftstrom nur runde Wege macht, während er bei den Zügen und Querverbindungen des Ventilhorns vielfach umgeleitet, unterbrochen und "härter" gemacht wird. Andererseits ist es technisch schlechterdings unmöglich, beispielsweise die Hörnerpartien des 1. Brandenburgischen Konzerts von Johann Sebastian Bach - selbst bei höchstem Können - durchgehend sauber auf Naturhörnern zu blasen. Der Rückgriff auf "Naturinstrumente" mag in technisch leichteren Parts möglich und durchführbar sein, wie etwa in der großartigen Serenade KV 361 für zwölf Bläser und Streichbass von Mozart, die auf Original-Instrumenten zu spielen eine großartige klangliche Bereicherung bei durchaus möglicher Sauberkeit der Intonation darstellt.


f) Auch die Errungenschaften auf dem Sektor der Streichinstrumente sind zu groß, als dass man sie zugunsten vermeintlicher historischer Werktreue ignorieren dürfte. Seit 1700 ist die Normalstimmung um fast einen Ton gestiegen, und unsere Ohren haben sich an die neuen absoluten Tonhöhen gewöhnt. Die "historischen" Ensembles haben meist eine um mehr als einen halben Ton tiefere Stimmung gegenüber dem heutigen Normal-a (das man freilich nicht weiter nach oben treiben sollte); ein absolutes Gehör registriert die von ihnen reproduzierten Tonarten als falsch. Bei den Violin-Instrumenten werden seit etwa 1850 - vor allem wegen der höheren Stimmung und des dadurch bedingten größeren Saitendrucks - längere, genormte Hälse und längere und kräftigere Bassbalken verwendet. Diese Neuerungen - die inzwischen auch schon über hundert Jahre alt sind - haben den Instrumenten mehr Klangfülle und eine größere Tragfähigkeit eingebracht.

Auch die Saiten sind wesentlich verbessert worden; als gleichmäßige Zylinder sind sie gegenüber den in der Dicke unterschiedlichen Darmsaiten quintenrein, was die Intonation erheblich verbessert hat. Gegenüber der vielleicht wärmeren, aber auch leicht dumpfen Darmsaite sind die modernen Saiten strahlender, gleichmäßiger und leichter in der Ansprache und tonlich wesentlich ergiebiger. Es ist kaum möglich, auf Instrumenten mit zu kleinen Bassbalken, mit Darmsaiten und in zu niedriger Stimmung die Bedingungen zu erfüllen, die moderne, anspruchsvolle Ohren an die Intonation und an die Tonqualität stellen. Diese Ansprüche sind durch die Schallplatte weiter gestiegen; gegenüber den Fährnissen des Konzertsaals gestatten die der Schallplatte möglichen Korrekturen eine lückenlose Perfektion bis ins Detail.


g) Man kann den heutigen Hörer auch nicht mit dem des 17. und 18. Jahrhunderts vergleichen, der hinsichtlich der damals nur mangelhaft möglichen Intonation von einer heute kaum mehr vorstellbaren Duldsamkeit war. Es ist indessen ein großer Unterschied, ob ein Hörer mangelhafte technische und tonliche Interpretation akzeptiert, weil er es
anders und besser nicht kennt, oder ob man einem Hörer von heute, für den die Errungenschaften technische und tonlicher Präzision selbstverständlich geworden sind, zumutet, gegen sein besseres Wissen und Hören die Unvollkommenheit so genannter historisch getreuer Interpretation hinzunehmen.

Der Grad der Zumutung bleibt auch dann noch beträchtlich, wenn wir - wohl zu Recht - den heutigen Interpreten unterstellen, dass sie auf alten Instrumenten eine größere Sauberkeit zu erzielen vermögen als diejenigen des 17. und 18. Jahrhunderts. Das "historische" Musizieren ist also, wie die bisherige Betrachtung gezeigt hat, leicht in Gefahr, museal zu werden.


Das mag man hinnehmen, weil es sicher reizvoll ist, die alten Instrumente in ihrem ursprünglichen Klang kennen zulernen. In diesem Sinn sind die historischen Ensembles eine - vielleicht mehr der Schallplatte vorbehaltene - Bereicherung, weil sie eine der vielen Möglichkeiten der Interpretation darstellen. Die historischen Ensembles haben indessen, selbst wenn sie stilistisch immer im Recht wären (was sehr zu bezweifeln ist), dort ihre deutlich werdende Grenze, wo unsere ästhetischen Ansprüche verletzt werden. Wir haben heute weder die Instrumente noch die Spieler, noch die Hörer, noch die Konzerträume der Vorbarockzeit: es ist kaum möglich, den damals unter den genannten Bedingungen erzeugten Ton und Klangcharakter einem heutigen Hörer, der unter ganz anderen Bedingungen zu hören gelernt hat, plausibel zu machen, oder etwa zu erwarten, dass er dieses Klangideal so höre, wie wir vermuten können, dass es einstens gehört worden sei.


Es ist also weder historisch noch stilistisch gerechtfertigt, den strahlenden und vollen Glanz der barocken und nach barocken Violininstrumente, von denen noch genügend überliefert sind, mit kräftigerem Bassbalken und höherer Stimmung, gegenüber den tonlich matteren Geigen in historischer Adaptation und gegenüber den dumpfen und etwas nasalen Gamben in chorischer Form eintauschen zu wollen. Man muss die Neuerungen ja nicht unbedingt so weit treiben, wie Adolf Busch es tat, der den Cembalopart der Brandenburgischen Konzerte - im Continuo wie im Solo - auf
einem modernen Konzertflügel spielen ließ. Das Cembalo ist ein historisches Instrument, das heute immer noch seine Berechtigung hat und durch den modernen Flügel auch nicht zu ersetzen ist. Schwieriger ist es indessen beim Hammerklavier, dem unmittelbaren Vorläufer unseres heutigen Klaviers und Flügels; es klingt für heutige Ohren spröd, stumpf und vor allem im Diskant blechern. Ihm gegenüber ist der moderne Flügel farbiger und sensibler, er hat viel größere Möglichkeiten der Abstufung und Entfaltung.

Alle für das Hammerklavier (nicht in gleicher Weise für das Cembalo) bestimmten Kompositionen können ohne Stilbruch dem modernen Flügel anvertraut werden. Bei allem berechtigten Streben nach originaler Interpretation und bei
aller Vorliebe für historische Instrumente - und gerade um solche geht es in dieser Reihe - sollte man beherzigen, dass das historische Instrument keine starre Gegebenheit ist und nicht unter den zum Teil gar nicht mehr rekonstruierbaren Bedingungen der früheren Zeit gesehen und gespielt werden kann. Mit den Verbesserungen der Technik, dem Wandel vieler musikalischer und nichtmusikalischer Bedingungen hat es sich ebenfalls geändert, wie auch der heutige Spieler und Hörer, in dem nicht nur die Musiktradition des Barock, sondern die gesamte musikalische Ästhetik zweier weiterer Jahrhunderte bewusst und unbewusst präsent ist.


Es ist unsere Aufgabe, auf allen Gebieten, auch auf dem der uns überlieferten Musik und der dazu gehörenden Instrumente, das Originale mit dem Dazugekommenen, das nicht minder "historisch" ist, zu einer lebendig bleibenden, sinnvollen und auch ästhetisch befriedigenden Einheit zu verschmelzen.

Mit freundlicher Genehmigung der Bayer AG

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