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Die italienischen Geigenbau-Zentren

In den Standardwerken werden als die drei wichtigsten und ursprünglichsten Keimzellen des italienischen Geigenbaus genannt: Brescia, Cremona und das (nicht italienische!) Absam. Daraus folgt, dass alle anderen "Schulen" und Bauorte, soweit sie überhaupt eine gewisse Eigenständigkeit erlangt haben, jünger sind und von den drei großen Zentren abstammen.

Alfred Berr sagt, was immer eine italienische Violine sei, so lasse sie sich stilistisch auf eine dieser drei Keimzellen oder aber auf Einflüsse mehrerer von ihnen zurückführen. Diese Feststellung trifft in einem prinzipiellen Sinn zu. Keine spätere Baustätte hat die stilistische Selbständigkeit der drei großen Zentren und älteren Vorbilder jemals erreicht. Andererseits darf nicht vergessen werden, dass auch in diesen drei ältesten Keimzellen der Geigenbau sich allmählich zu der jeweils kennzeichnenden Eigenart entwickelte und dass noch ältere Einflüsse angenommen werden müssen, die - zumindest auf Absam, vielleicht auch auf Cremona - eingewirkt haben.


Berücksichtigt man diese vielfältige gegenseitige Verflechtung, so könnte man in grobschematischer Weise die Beziehungen zwischen den drei großen italienischen Zentren (Brescia, Cremona und Absam), den späteren Geigenbauorten und Schulen und schließlich den noch älteren Einflüssen auf folgende Art charakterisieren:

Genealogie italienischer Geigenbau

 

Diese Genealogie macht zwar das Grundsätzliche klar, doch sind die Verhältnisse weit komplizierter, als es die schematisierende Tabelle vermuten lässt. Die Schwierigkeiten beginnen schon, wenn man die von den drei großen Zentren abhängigen übrigen wichtigen Geigenbaugebiete Italiens näher betrachtet. Zweifelsohne ist von Cremona die breiteste Wirkung ausgegangen, es hat die meisten anderen Baustätten inspiriert. Die sieben Geigenbaustädte Piacenza, Mailand, Bologna, Florenz, Genua, Turin und Neapel gelten als unmittelbare Dependancen von Cremona. Diese Auswahl ist willkürlich, denn es sind noch manch kleinere dazuzuzählen (u. a. Bergamo, Fermo, Ferrara, Lucca, Mantua, Modena, Pavia, Perugia und Treviso).

Zum anderen: der Einfluss Cremonas auf die genannten Orte war verschieden stark, und zum Teil waren andere Einflüsse, wenn wirklich eine eigenständige Schule zustande kam, stärker als diejenigen Cremonas. Es kann gar nicht genügend betont werden, dass auch der "deutsche" Baustil, der durch das Zentrum Absam (und dessen Vorläufer) bezeichnet wird, eine starke Faszination in Italien ausgeübt hat, wobei Absam selbst italienische Merkmale in einem so hohen Maße aufgewiesen hat, dass dieser Tiroler Ort paradoxer- (und doch gerechtfertigterweise) selbständig neben den großen Zentren Brescia und Cremona steht.


Cremona hat zwar die stärkste Ausstrahlung ausgeübt, aber es hat durchaus keinen einheitlichen Stilcharakter. In dieser Hinsicht sind ihm andere von ihm gespeiste Schulen überlegen, vor allem Neapel, das wohl das einheitlichste Gesicht überhaupt innerhalb des italienischen Geigenbaus zeigt. In Neapel ist, nachdem der Ahnherr der Gagliano Cremoneser und deutsche Stileinflüsse in sich aufgenommen und sie zu einem eigenen Modell entwickelt hatte, eine kontinuierliche, bis ins 20. Jahrhundert reichende Tradition entstanden. Gewiss die Qualität und Schönheit der Arbeit ließ in Neapel in den letzten 1 1/2 Jahrhunderten erheblich nach, und doch blieb der rote Faden in dem sich in den Grundzügen gleichbleibenden Stil erhalten.


Relativ gering sind die Rollen, die Piacenza, Bologna und Florenz gespielt haben (obgleich es in jeder dieser Städte treffliche Geigenbauer gibt); und auch hier sind es nicht immer nur Cremoneser Einflüsse, die am Werke waren. Mailand hat als eigentliche Schule, so wichtig es als Geigenbauzentrum wurde, eigentlich nie existiert. Die beiden großen Familien Grancino und Testore haben wesentlich stärkere Einflüsse aus Brescia und Absam als von den Amati erfahren, wobei vor allem das Lackbild wenig mit Cremona gemeinsam hat. Andererseits sind die größten Mailänder Geigenbauer, vor allem Carlo Ferdinando Landolfi, ganz anders orientiert. Besonders Landolfi geht weit über das hinaus, was typisch "mailändisch" ist. Mailand hat als Geigenbauzentrum also kein einheitliches Antlitz.


Etwas Ähnliches gilt für Turin; hier wurden die französischen Einflüsse bald stärker als diejenigen aus Cremona. Ein ähnlich uneinheitliches, aber sehr aufregendes Bild zeigt Venedig, neben Neapel wohl das bedeutendste Geigenbauzentrum. Hier rangen Einflüsse aus Cremona, aus Brescia, aus Absam und den noch älteren deutschen Einflüssen (vor Absam) miteinander. Der Venezianer Lack ist hinsichtlich seiner hohen Qualität am ehesten mit Cremona zu vergleichen, und doch zeigt er andere Konsistenz und, vor allem, fast immer anderes Kolorit. Einzelne der venezianischen Geigenbauer fußten mehr auf Cremona, andere mehr auf der "deutschen" Schule, und verschiedene nahmen die Einflüsse von allen drei Keimzellen auf.

Rom ist wichtig wegen seiner starken Abhängigkeit von Absam und Venedig. Es ist das am stärksten von deutschen Einflüssen geprägte italienische Zentrum. Mehr noch als in Venedig überwiegen hier die deutschstämmigen Macher.
 

Hinsichtlich der Selbständigkeit verschiedener italienischer Zentren gehen die Meinungen auseinander. So fasste z. B. George Hart im Jahr 1909 (und manche neueren Schriftsteller sind ihm gefolgt) Mailand und Neapel zu einer Schule, der napolitanischen, zusammen, und er vereinigte Florenz, Bologna und Rom. Das bedeutet aber eine Verwischung der Stärke der verschiedenen Einflüsse und der verschiedenen Bedeutung der einzelnen Zentren. Sowohl Mailand als auch Rom wären dabei erheblich unterbewertet.


Noch schwieriger werden die Verhältnisse, wenn man nicht bestimmte Schulen, sondern Geigenbauer-Dynastien betrachtet. Verschiedene Familien blieben auf den gleichen Ort beschränkt, wie etwa die Amati und Stradivari auf Cremona oder die umfangreiche Sippe der Gagliano auf Neapel. In anderen Dynastien wanderten die einzelnen Mitglieder von Ort zu Ort, nahmen deshalb verschiedene Einflüsse auf, so dass die Einheitlichkeit eines bestimmten Modells innerhalb der Familie nicht immer gewahrt wurde. Ein besonders deutliches Beispiel ist die Familie der Guadagnini. Der Stammvater Lorenzo Guadagnini kam aus der Schule von Cremona und gründete eine eigene Werkstatt in Piacenza. Sein genialer Sohn Giovanni Battista, der sich als Schüler Stradivaris bezeichnete, es aber nicht war (gleichwohl hat er etwa 1 1/2 Jahre, 1758/59, in Cremona selbständig gearbeitet und dort auch Instrumente gefertigt), arbeitete so genial und vielfältig und war so unstet in seinen Aufenthalten, dass man lange annahm, es hätte zwei Meister des gleichen Namens gegeben.

Sein Sohn Joseph wiederum begleitete den genialen Vater nur kurze Zeit, ging dann nach Como und arbeitete die letzten 15 Jahre seines Lebens in Pavia. Die übrigen Familienangehörigen blieben jedoch in Turin, wo Giovanni Battista seine letzte Werkstatt hatte und 1786 gestorben war, und wirkten hier bis in das 20. Jahrhundert hinein. Der französische Einfluss ist vor allem in den späteren Modellen, insbesondere auch im Lack erkennbar. Bei der Familie Guadagnini zeigen sich also insgesamt, in wechselnder Mischung und Stärke, Stilelemente aus Cremona, Venedig, Brescia und Frankreich.

Mit freundlicher Genehmigung der Bayer AG

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