Italienische Streichinstrumente
- 2011-04-15
Teil 2 - Der italienische Geigenton
Was macht - für Berufsmusiker und ausübende Liebhaber - die Begehrtheit guter Streichinstrumente, insbesondere derjenigen italienischer Provenienz, aus? (Wobei hier vor allem Violinen, Violen, Violoncelli und Kontrabässe gemeint sind, zumal bei den Gamben durch die wenigen erhaltenen Exemplare ein Vergleich nur schwer möglich ist.) Das heißt
mit anderen Worten: gibt es Charakteristika für die Überlegenheit des italienischen Tons gegenüber Instrumenten anderer Provenienz (bayerischer, vor allem Mittenwälder, Tiroler, böhmischer, sächsischer, ungarischer, englischer, französischer, spanischer usw.)?Hier muss bereits mit aller Deutlichkeit festgestellt werden, dass es - trotz der Evidenz, mit der das Ohr diese Qualitäten zu erleben vermag - nicht möglich ist, die Eigenschaften des aus allen anderen Instrumenten herausragenden Streichertons ausreichend oder gar eindeutig zu beschreiben. (Diese Einschränkung gilt indessen auch für die optisch wahrnehmbaren Merkmale, die nur schwer - wenn überhaupt - zu objektivieren sind. Darauf werden wir noch zurückkommen müssen.) Dennoch soll - mit allem Vorbehalt - versucht werden, einige Eigenschaften hervorzuheben, die diese Instrumente gegenüber solchen anderer Provenienz - mehr oder minder deutlich - aufweisen.
Manche dieser Eigenschaften sind vom Spieler leichter zu realisieren oder nur ihm vertraut, andere sind jedoch auch, vor allem im Vergleich mit Instrumenten anderer Herkunft oder verschiedener Größenordnung, dem Hörer zugänglich zu machen.
Vor allem wichtig erscheint die Frage der so genannten Ansprache: das heißt, wie schnell ein Instrument auf den Bogenstrich reagiert, ob es mit geringerer oder größerer Mühe, und zwar nicht nur im Piano, sondern auch im Forte, zu spielen ist.Wechselt man von einem nichtitalienischen Instrument auf ein italienisches, so ist immer wieder auffallend, wie leicht, wie mühelos sich das italienische spielen lässt. Der Kraftaufwand ist so gering, dass manche Spieler versucht sind, überspitzt zu formulieren, eine gute italienische Geige spiele sich von selbst. Zu der guten Ansprache gehört noch ein weiteres Moment: die Frage nämlich, ob ein Ton nicht nur schnell "kommt", sondern ob er sich auch schnell - und wieder ohne große Mühe - zu der letztmöglichen Stärke steigern und entwickeln lässt. Diese schnelle Entwicklungsfähigkeit des Tons eignet nicht allen italienischen Instrumenten in gleicher Weise wie im allgemeinen die gute Ansprache und die Geschmeidigkeit des Tons. So ist beispielsweise eine intakte Stradivari-Violine an Größe und Süße des Tons, an majestätischem Glanz kaum zu übertreffen; hinsichtlich der Promptheit der Ansprache und der schnellen Steigerungsmöglichkeit des Tons zu einer geradezu explosionsartigen Fülle sind ihr im allgemeinen die Violinen von Joseph Guarnerius deI Gesu überlegen.
Nicolo Paganini, der sowohl eine Stradivari wie eine Guarnerius deI Gesu spielte, nannte letztere wegen dieses sich schnell und rauschend entfaltenden Tonvolumens "seine Kanone" (heute ruht sie, nur einmal im Jahr gespielt, unter einer Glasglocke im Munizipalmuseum seiner Vaterstadt Genua).
Eine weitere wichtige Eigenschaft des Geigentons ist seine Ergiebigkeit und Fülle. Sie ist aber wiederum eng geknüpft an die so genannte Tragfähigkeit. Sie besagt, dass ein Instrument nicht nur auf eine kleine Distanz voll und laut klingt, sondern dass dieser Ton auch in die Ferne trägt und noch am äußersten Ende eines (womöglich großen) Raumes mit annähernd der gleichen Intensität zu hören ist. Diese sehr merkwürdige und in manchem rätselhafte Eigenschaft der Tragfähigkeit kann der Spieler - besonders bei irritierenden akustischen Verhältnissen - selbst nur bedingt und oft gar nicht beurteilen. Hier kann ihn das Ohr erheblich trügen, indem es ihm eine Fülle vortäuscht, die jedoch bereits in einem engen Umkreis abebbt und sich in der Ferne völlig verliert.
Dagegen vermag ihm ein anderes Instrument, auch bei intensivem Bogenansatz, am Ohr sehr leise vorzukommen, während in größerer Entfernung sich die ganze Fülle des Tons entfaltet. Diese Erfahrung kann man besonders bei gut tragenden italienischen Instrumenten machen.
Die Resonanz bzw. Tragfähigkeit des Tons hängt auch in entscheidender und oft nicht zu berechnender Weise von der Größe und Beschaffenheit eines Raumes, seiner Leere oder auch vollen Besetzung mit Menschen ab. Noch in der Barockzeit, in der es nur kleine, intime Konzerträume gab, füllten die Streichinstrumente, auch diejenigen nichtitalienischer Provenienz, die Säle mühelos (die Kirchen waren so gut wie immer überakustisch, d. h., dort steigerte sich durch vielfältige Echowirkung die Tragfähigkeit der Instrumente). Heute, im Zeitalter der riesigen Konzertsäle, sind eigentlich nur die großen Instrumente der Cremoneser Spitzenklasse imstande, allen Ansprüchen an einen großen und tragfähigen Ton zu genügen und sich gegen ein volles Sinfonieorchester zu behaupten. Diese Instrumente, die ganz auf "großen Ton" geschaffen sind, klingen, vor allem wenn ihre Holzstärken noch gesund sind, in kleinen Räumen oft enttäuschend: der Ton wirkt wie "gefangen", nicht nach außen strahlend, zwar intensiv, aber gepresst, weil die Schwingungsamplituden durch die Interferenz zu früher Brechungen empfindlich gestört werden. (Eine Parallele dazu besteht in italienischen Stimmen, die in kleinen Räumen oft nicht laut und groß, nur in sich sehr intensiv klingen und sich erst in großen Sälen frei entfalten können.)
Die Tragfähigkeit erweist sich nicht nur bei vollem Tonvolumen, im mächtigen Forte (übrigens können auch neuere Instrumente sehr kraftvoll sein); noch wichtiger fast ist diese Eigenschaft im Piano oder gar gegen ein Ensemble anderer, kaum oder wenig gedämpfter Instrumente. Die Fähigkeit, auch einen leise angestrichenen oder gezupften Ton auf große Distanz hörbar zu machen, eignet fast nur den italienischen Instrumenten, und sie geht solchen anderer und neuerer Provenienz, auch wenn sie ein tragendes Forte haben, weitgehend ab.
Unabhängig von der Klangfarbe, die zwischen hell und dunkel einerseits, sonor und schalmeienhaft andererseits in vielerlei Schattierungen zu spielen vermag, sind dem italienischen Streicherton weiterhin einige Besonderheiten eigen, die seine Substanz betreffen. Dieser Ton ist sehr plastisch und gleichsam aus mehreren Schichten zusammengesetzt, obgleich der Hörer ihn als eine Einheit empfindet. Um einen fülligen und starken "Tonkern" liegt eine Hülle, die den Klang erst "griffig" macht. Körperlich gesprochen, wäre der italienische Streicherton einer kompakten Kugel zu vergleichen, die in nassem Sand gewälzt wurde. Dieser wohllautend süße und doch "griffige" Ton, mit Worten nur sehr unvollkommen zu beschreiben, wirkt voller, plastischer, anhaltender, direkter als der Ton nichtitalienischer Instrumente, deren Klang mehr "eindimensional" ist und schneller verebbt. Der italienische Streicherton wirkt durch sein gleichsam mehrschichtiges, plastisches Volumen, seine klare und prompte Kraft und seinen ausladenden, bauchigen Klang nahezu wie eine körperliche Berührung.
Schließlich und endlich kommt den italienischen Streichinstrumenten neben guter Ansprache und schneller Entwicklungsfähigkeit, Tragfähigkeit, schönem Tonkern und "griffiger" Hülle die Besonderheit der scharfen Trennung und distinkten Abgesetztheit zu. Bei einem nichtitalienischen Instrument verschwimmen die Töne viel mehr gegeneinander, während sie bei einem italienischen hervorragender Provenienz wie gestochen, wie Perlen aufgereiht nebeneinander liegen.
Da ihnen gleichzeitig eine hohe Stoßkraft bei ganz geringer physischer Anstrengung zukommt, ist dies für den Streicher eine nicht zu unterschätzende Erleichterung des Spiels. Es ist also zweifellos in einer ganzen Reihe von Fällen möglich, relativ schnell, um nicht zu sagen auf Anhieb, sei es durch den intuitiven Eindruck des Auges oder des Ohrs, ein Streichinstrument als italienisch zu erkennen. Der namhafte Experte Fridolin Hamma sagte: "Der erste Eindruck ist meist der richtige." Der Verstand, der den ersten Eindruck analysieren und belegen will, kann paradoxerweise viel leichter zu Irrtümern verleitet werden, zumal die Charakteristika, die er im einzelnen sucht, fast alle imitiert werden können (bis auf den Ton).
Die Intuition des Gesamteindrucks, des geschulten Auges und eines Ohrs, das die kennzeichnende Beschaffenheit des italienischen Streichertons erfasst hat, ist von entscheidender Bedeutung. Das schließt nicht aus, dass es Instrumente gibt, die nur in mühsamer und langer Analyse rubriziert werden können. Abgesehen davon existieren andere, die überhaupt nicht mit genügender Sicherheit, jedenfalls nicht übereinstimmend einzuordnen sind.
Mit freundlicher Genehmigung der Bayer AG
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