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Das frühe Cremona: Die Dynastie der Amati

Die Dynastie der Amati, die in 4 Generationen 5 Mitglieder aufweist, umspannt einen Zeitraum von gut zwei Jahrhunderten. Die Genealogie dieser Geigenbauer-Familie sieht im einzelnen folgendermaßen aus:

Am unsichersten ist das Geburtsdatum des Stammvaters Andrea Amati; es wird in der Literatur zwischen 1520 und 1535 angegeben, teilweise sogar noch früher. Für die Datierung gibt es nur gewisse Anhaltspunkte. So erwähnt George Hart immer wieder eine 3saitige Violine von Andrea Amati (er nennt sie auch "Rebec"), die das gesicherte Datum 1546 trug. Sie wurde später von den Brüdern Mantegazza zu einer 4saitigen Violine umgebaut. Andererseits sind normale Violinen Andrea Amatis erst aus der Zeit zwischen 1560 und 1570 belegt. Selbst wenn man annimmt, dass er diese Vorform der Violine in jugendlichem Alter gefertigt habe, wird man ihm dabei mehr als 11 Jahre (bei einem Geburtsdatum von 1535) zubilligen müssen. Andererseits wird man annehmen können, dass er bei der Herstellung seiner ersten Meisterinstrumente nicht viel älter als 30 gewesen sein kann: so käme man auf ein Geburtsjahr, das ziemlich genau zwischen den angegebenen Extremen von 1520 und 1535 liegt: nämlich etwa bei 1528 bis 1530. Sein Tod ist bald nach 1611 anzusetzen: beim Tod seiner 2. Frau, am 10.4.1611, war er - laut Kirchenregister - noch am Leben. Die Amatis waren langlebig: alle 5 wurden zwischen 70 und über 90 Jahre alt. Andrea wäre bei der hier angenommenen Datierung über 80 Jahre alt geworden.

Auch über Zeit und Ort einer Lehre Andrea Amatis (wenn es eine solche überhaupt gab) ist nichts Näheres bekannt. Da er der erste Geigenbauer Cremonas ist, kann Andrea Amati nicht in Cremona gelernt haben. Selbst wenn man ihm zugesteht, weitgehend Autodidakt gewesen zu sein, muss er irgendwo Anregungen empfangen haben, und George Hart nimmt wohl zu Recht an, dass gewisse Zeichen seiner Arbeit auf Gaspar da Salo, also auf Brescia, hinweisen. Das wird freilich von anderen ebenso heftig bestritten: geht es hier doch um die - nicht nur Ebenbürtigkeit, sondern - Priorität Cremonas vor Brescia. Selbst der sehr erfahrene und objektive Otto v. Schulmann nimmt eine völlige Unabhängigkeit Andrea Amatis von Brescianer Einflüssen an; das ist aber aus der Arbeit dieses Meisters nicht zu belegen.

An Brescia erinnern: der längliche Umriss der Violinen, der flache Schwung der C-Bügel, der etwas starre Schnitt der ff-Löcher, obgleich sie eleganter als diejenigen Gaspar da Salos sind, die relativ hohe Wölbung und die häufig nach der Schwarte geschnittenen Böden. Zweifellos hat Andrea Amati im Lauf der Jahre etwas "spezifisch" Cremonesisches sich erarbeitet, vor allem den goldgelben Lack, aber zu Anfang sind doch gewisse Anregungen Brescias zu spüren.

Instrumente von Andrea Amati gehören inzwischen zu den Seltenheiten. Ihr süßer und weicher Ton ist nicht sehr tragend. Am berühmtesten wurden die 12 Violinen, 6 Tenorgamben und 8 Bässe, die er für Karl IX. von Frankreich lieferte und die im Jahr 1790 spurlos aus dem Schloss von Versailles verschwanden.

Andreas beide Söhne Antonio und Girolamo (=Hieronymus) I. Amati haben den frühen Cremoneser Stil in ihren Instrumenten gefestigt. Sie haben meist einen gemeinsamen Zettel verwendet und scheinen fast 40 Jahre lang zusammen in der gleichen Werkstatt gearbeitet zu haben (von etwa 1590 bis 1628). Max Möller nimmt indessen an, die Zusammenarbeit der beiden Brüder habe schon 1588 endgültig aufgehört. Dagegen spricht, dass die gemeinsamen Zettel noch weitere rund 40 Jahre nachweisbar sind und dass es Violinen gibt, die nur den Namen von Girolamo (nicht aber von Antonio) tragen. Girolamo scheint der Bedeutendere gewesen zu sein, der einige Violinen allein machte. Die definitive Form des gemeinsamen Patrons, vor allem der graziöse Schwung der ff-Löcher, dürfte vor allem sein Werk gewesen sein.

Antonio scheint 1555 geboren zu sein; sein Todesjahr wird in der Literatur mit 1630, 1635 und 1640 angegeben. Girolamo ist 1561 geboren (Otto v. Schulmann), also 6 Jahre jünger gewesen. Sein Tod im Jahr 1630 (2. November) ist belegt. Es ist anzunehmen, dass beide Brüder nicht gleichzeitig starben; Antonio überlebte den Bruder um einige Jahre, arbeitete aber dann nicht mehr. Antonio wäre also zwischen 75 und 85 Jahre alt geworden, Girolamo dagegen nur knapp 70.

Die Instrumente der beiden Brüder sind auch heute noch recht tragfähig. Besonders die Violoncelli genügen auch noch heutigen (insbesondere: kammermusikalischen) Ansprüchen, wenn sie wohlerhalten sind und keine den Ton beeinträchtigenden Schäden aufweisen.

Nicola (Niccolo) Amati (geboren am 3. Dezember 1596, gestorben am 12. April 1684) war der 3. Sohn des Girolamo Amati I. und dessen zweiter Frau Laura Lazzarini. Er wurde der bedeutendste Vertreter seines Geschlechts und einer der genialsten Geigenbauer überhaupt. Sein Vater starb zwar bereits 1630, als Niccolo 34 Jahre alt war; doch hat er erst später von dem "kleinen" und zierlichen Modell des Vaters zu dem "großen" Amati - Modell gefunden, das ihn berühmt gemacht hat. Ab 1640 sind von ihm signierte Werke bekannt. Erst 15 Jahre nach dem Tod des Vaters, mit seiner Heirat, beginnt die Selbständigkeit Niccolo Amatis. Damals war er bereits ein berühmter Mann mit großen Schülern. Der erste war Francesco Ruggieri (der ihn auch kopiert hat, was schon damals gerichtliche Folgen hatte). Sein Trauzeuge war aber ein anderer Schüler, Andreas Guarnerius. Niccolo Amati heiratete am 23. Mai 1645 Lucrezia Pagliari (1619 bis 1703).

Das Besondere und Eigenständige des Modells von Niccolo Amati war einmal das "große" Modell, aber es waren auch noch andere Besonderheiten. Er ließ die Ecken besonders stark hervortreten, was übrigens Stradivari immer beibehielt, schrägte den seitlichen Rand etwas mehr ab und erfand eine Besonderheit in der Wölbung der Decke, auf die vor allem George Hart hinweist. In der Mitte der Decke steigt die Wölbung noch einmal an, etwa in der Breite des Steges, und fällt dann von den Stegfüßen aus in einem schönen Schwung gegen die Ränder ab, vor ihnen sich noch einmal einsenkend. (Hart betont, dass die Kopisten diese Einsenkung am Rand übertrieben haben.) Den größeren Ton hatte Niccolo Amati durch das größere Modell erzielt (ob die Ecken dazu beitrugen, muss offen bleiben); die auffallende Süße seines Tons ist offenbar den besonderen Wölbungsverhältnissen der Decke zuzuschreiben. Die Zargen nahm er auch etwas höher als sein Vater (was ebenfalls die Tongröße steigerte); seinem Vater treu blieb er in der Formung der eleganten, aber etwas zu kleinen Schnecken. Die ff-Löcher sind in der Größe und Richtung des Vaters gehalten, jedoch etwas kühner. Holzwahl und Lack sind immer von höchster Qualität; besonders schön sind seine warmen gelben Lacke.

Niccolo Amati war nicht nur der bedeutendste Meister der Amati - Familie, sondern auch derjenige Lehrer, der die meisten und größten Schüler hatte. Er war ein denkender und experimentierender Geigenbauer, und es scheint, dass er das Tonideal, das er im Sinne hatte, vollkommen erreichte. An Tongröße haben ihn nur zwei übertroffen: Antonio Stradivari (und dessen Söhne) und Joseph Guarnerius deI Gesu (der aber erst zwei Jahre nach seinem Tod geboren wurde). Die Schüler von Niccolo Amati waren: Francesco Ruggieri, Andrea Guarneri. Antonio Stradivari und Giovanni Battista Rogeri, schließlich noch sein Sohn Girolamo (Hieronymus) II. Amati. Ferner zählt man auch Paolo Grancino zu seinen Schülern. Des weiteren waren in der Werkstatt, wie die kirchlichen Matrikelregister verschiedener Jahre ausweisen, noch zahlreiche andere Gehilfen - über kürzere oder längere Zeit - beschäftigt, die es nicht zu Ruhm und Ehren brachten. Manche von ihnen blieben auch noch als Mitarbeiter in der Werkstatt von Andreas Guarnerius: dort werden wir ihnen wieder begegnen.

Von den 9 Kindern Niccolo Amatis (4 Töchter und 5 Söhne) wurde nur ein Sohn Geigenbauer (3 Söhne starben freilich bereits als Kinder).

Girolamo II. Amati. Er wurde am 26. Februar 1649 (als der 3. Sohn) geboren und starb am 21. Februar 1740. Er war nicht nur der letzte Geigenbauer dieses berühmten Namens, sondern sein Werk blieb gleichsam anonym und ist nur in wenigen sicheren Exemplaren bekannt. Er verwendete auch fast stets den Zettel seines Vaters, ohne ihn für seine Bedürfnisse zu ändern. Bei ihm ist der Amati - Charakter nicht mehr so deutlich, am stärksten vielleicht noch in den sehr typischen, oft aber sorglos geschnittenen ff-Löchern erhalten. Die unteren Trauben sind dabei sehr groß; auch stehen die ff oft sehr nahe beisammen.

Die Wölbung steigt steil von den Rändern auf, fast ohne eine Hohlkehle zu bilden. Das Modell ist groß und mächtig, es zeigen sich hier Einflüsse, die mehr an Stradivari als an die Amati - Familie erinnern. George Hart weiß dafür auch eine Erklärung: Nach dem Tod Niccolos waren die Model und Umrissformen der Amati - Werkstatt in den Besitz von Antonio Stradivari übergegangen. Hieronymus II. musste sich also notgedrungen immer wieder in die Werkstatt Stradivaris bemühen, und so geriet er, vielleicht ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, mehr unter den Einfluss der Modelle Stradivaris als der seines Vaters. Der Lack hat vielleicht nicht mehr ganz die Qualität des Vaters, aber er ist noch sehr transparent. Sein Vin - rose - Rot (das Max Möller für typisch hält) ist von besonderer Schönheit.

Girolamo II. stand sicher im Schatten seines Vaters, der ihn nahezu verdunkelte. Und dennoch sind seine Instrumente die "modernsten" der ganzen Amati - Familie: typisches 18. Jahrhundert, mächtig in Form und Ton - und trotz der spezifischen Klangfarbe eine Annäherung an Stradivari. Girolamo II. wird als der "geringste" der Amati in der Literatur bezeichnet: und das zu Unrecht. (Mitunter ist freilich zu lesen: er stand seinem Vater nicht nach.) Seine Instrumente werden noch lange überdauern, während die Instrumente der Stammväter und großen Amati heute nicht mehr unseren Tonvorstellungen entsprechen (eine Ausnahme machen vielleicht die exzellenten Violoncelli von den Brüdern Antonio und Girolamo Amati).

Von den 3 Kindern des Girolamo II. wurde keines Geigenbauer; mit ihm erlosch die erste große Dynastie Cremoneser Meister.

Mit freundlicher Genehmigung der Bayer AG

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