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Die Schule von Brescia


In Brescia ist der erste große Meister, Gasparo da Salo gewesen (1542-1609). Auf ihn geht in der Hauptsache das Brescianer Modell zurück, das gegenüber den zierlich-barocken Formen Cremonas und Stainers als das ungeschlachtere "gotische" in der Literatur apostrophiert wird. Seine wichtigsten Merkmale sind ein lang gestrecktes, etwas ungraziöses Patron mit meist wenig hervorstehenden, mehr stumpfen, den Umriss nicht sehr betonenden Ecken, langen, plump wirkenden ff-Löchern, bei denen die oberen Trauben oft größer sind als die unteren, was unseren ästhetischen Schönheitssinn erheblich verletzt, mit einer oft auch primitiv und flach geschnitzten Schnecke, die meist nur zwei Windungen aufweist, ferner oft doppelt gezogenen Einlagen.

Auch die Hölzer sind trotz der klanglichen Qualität nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten ausgewählt; vor allem die Böden zeigen nicht die schönen parallelen Flammenspiegel, sondern das kaum eine stärkere Zeichnung aufweisende Holz der Schwarte oder der Halbschwarte. Die Lackfarben sind fast immer in einem nicht sehr glänzenden, wenn auch dünn aufgetragenen, braunen Lack gehalten. Später hellen sich die Lacke etwas auf, aber das ist möglicherweise bereits eine Rückwirkung von Cremona. Die Höhen von Decke und Boden sind sehr verschieden, jedoch, überwiegen im allgemeinen die stark gewölbten Instrumente, bei denen eine starke Hohlkehle ausgeprägt ist, die auch nicht immer ästhetisch befriedigend ausgefallen ist.


In die Fußstapfen des Gaspar da Salo trat sein Schüler Giovanni Paolo Maggini (1580-1632), der wohl als der bedeutendste und typischste Meister Brescias anzusehen ist. Er stammt wahrscheinlich von Bauern ab, die nach seiner Geburt in die Stadt (Brescia) gezogen sind. Er wurde 1580 in Botticino di Sera ganz in der Nähe Brescias geboren und trat schon jung (vielleicht schon im Alter von 10 Jahren) bei Gaspar da Salo in die Lehre ein, in der er bis zu seinem 21. Lebensjahr verblieb. Bei dem Tod seines Lehrers war er 29 Jahre alt. Er scheint dann dessen Haus und Werkstatt bezogen zu haben. Mit 35 Jahren heiratete er die 19jährige Magdalena Anna Foresto, eine Tochter aus gutem Haus, und hatte mit ihr 7 Kinder, von denen 4 früh starben. Ähnlich wie Stainer war auch ihm kein Sohn beschieden. Der Geigenbauer geworden wäre. Nach dem Tod Magginis (1632) übernahm ein Freund. der Zimmermann war und Santo de Santis hieß seine Werkstatt. Er scheint im Laufe der Jahre nicht nur Violinen gebaut, sondern auch den Namen Magginis angenommen zu haben. Als Santo Maggini (1630-1680) wird er in der einschlägigen Literatur (meist als Maggini - Spross) geführt.


Auch bei Maggini werden drei Perioden und Modelle unterschieden. Das erste Patron war sehr von seinem Lehrmeister bestimmt, mit etwas ungelenken (gotischen) Formen, das zweite mit einer schnell und stark vom Rand aufsteigenden Wölbung und niedrigen Zargen, und ein ausgeglichenes drittes, das bereits Einflüsse der ersten Amati in Cremona verrät. In dieser dritten Periode sind die Umrisse der Instrumente Magginis gefälliger, für den Boden verwendet er (erstmals
in Brescia) nicht nach der Schwarte geschnittene Hölzer, sondern gegeneinander laufende Spiegel, die ff-Löcher werden graziöser und zeigen an den oberen und unteren Enden gleich große Trauben (vorher war die obere Traube größer).

Schließlich bekommt der Lack nicht nur hellere Töne, sondern er wird transparenter und erhält größere Leuchtkraft.
Die Violinen Magginis (er baute vor allem Violinen und Violen) waren einstens sehr geschätzt; eine prachtvolle besaß der Geiger Charles de Beriot, der Schwiegersohn des berühmten französischen Geigenbauers Lupot, durch den dieser frühe Brescianer Meister sehr bekannt wurde. Auch der norwegische Virtuose Ole Bull spielte - bevor er die berühmte, nach ihm benannte Guarnerius deI Gesu vom Jahr 1744 erwarb - eine Maggini- Violine, die er dem Museum seiner Heimatstadt Bergen vermachte.

Maggini hatte einige Schüler. In Brescia blieb Antonio Maria Lansa (1675-1715) während Giovanni Gaetano Pazzini in Florenz und Antonio Mariani in Pesaro tätig waren. Schließlich spielten in Brescia noch eine Rolle die Dynastie der Pasta und Rogeri.


Aus der Familie der Pasta werden im allgemeinen drei Geigenbauer aufgeführt. Gaetano Pasta war der Älteste und Bedeutendste der zu Anfang des 18. Jahrhunderts in Brescia arbeitete. Genaue Daten sind unbekannt, doch gibt es sichere Instrumente aus den Jahren 1706 - 1710. Er ist in seiner Arbeit nicht nur den Modellen von Gaspar da Salo und Maggini verpflichtet, sondern auch bereits G. Rogeri. Seine Instrumente sind fIach, sie zeigen im Lack die auffallendsten Anklänge an Cremoma, aber im Umriss des Patrons und in der Form der ff-Löcher noch immer die Brescianer Tradition.


Antonio und Domenico Pasta sind Söhne des Gaetano, die etwas zwischen 1710 und 1730 in Brescia gearbeitet haben. Auch ihre Modelle sind sowohl von Maggini als auch von Amati beeinflusst. Antonio sagt man einen zu weichen Lack nach; die flachen Instrumente von Domenico Pasta sind gefragter.


Für eine Verschmelzung der Modelle Brescias und Cremonas sorgte der bedeutende Geigenbauer Giambattista Rogeri (1650 - 1730), der nicht mit der Cremoneser Dynastie der Ruggieri verwechselt werden darf. In Bologna geboren (der Zusatz "Bon" auf einigen seiner Zettel weist auf diese seine Herkunft als Bologneser [Bononiensis] hin), machte er seine Lehrzeit in Cremona bei Nicola Amati als Mitschüler Stradivaris durch. Spätestens 1680 muss er als gelernter Cremoneser Geigenbauer in Brescia in der gleichen Eigenschaft (bis 1730) tätig gewesen sein: 1680 wurde ihm in Brescia sein Sohn Pietro Giacomo geboren, der als sein Schüler ein typischerer Brescianer wurde, als es der Vater war.


In den fünfzig Jahren, die Giambattista Rogeri in Brescia als Geigenbauer tätig war, kam er zu einer Legierung der Modelle Brescias mit denen Nicola Amatis. Bei dieser Legierung überwog der Cremoneser Einfluss, während bei seinem Sohn Pietro Giacomo die Brescianer Tradition wieder stärker zu Worte kam.


Je länger Giambattista Rogeri in Brescia wirkte, um so stärker setzte sich die Tradition dieser Schule bei ihm durch. In seinen späteren Arbeiten finden sich z. B. nur geritzte Einlagen an Böden (was es in Cremona überhaupt nicht gab). Bei seinem Sohn Pietro Giacomo Rogeri (1680 bis 1730) wird das - an sich schon schlanke - "Allongé" - Modell Amatis noch länger gestreckt. Die ff-Löcher nehmen die alte Brescianer Form wieder an, und es finden sich auch wieder Böden, die nach der Schwarte geschnitten sind und mitunter aus Pappel bestehen (das gibt es allerdings, wenn auch seltener, auch bei Nicola Amati und bei dem Stradivari der Amati-Zeit), auch doppelte Einlagen.

Nach 1730 (in diesem Jahr starben Vater und Sohn Rogeri) hat Brescia seine Rolle als Geigenbauzentrum verloren. Deshalb hörte sein Einfluss nicht auf: er wirkte zu Anfang des 18. Jahrhunderts auf die bei den großen Guarneri, Joseph und seinen Sohn Joseph Guarneri deI Gesu, und dann, noch einmal ein halbes Jahrhundert später, auf den späten Giovanni Battista Guadagnini in seiner Turiner Zeit (1771-1786). Der sein Leben lang experimentierende G. B. Guadagnini lässt in einer Reihe seiner späten Instrumente eine Annäherung an das alte Brescianer Modell erkennen.
 

Mit freundlicher Genehmigung der Bayer AG

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