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Absam: Jacobus Stainer (1617 - 1683)

Die erste, kaum zu begreifende Besonderheit der Rolle Absams besteht in dem Umstand, dass die ungeheure Ausstrahlung dieses Geigenbauzentrums durch die Tätigkeit eines einzigen Mannes bewirkt wurde: von Jacobus Stainer. Die zweite, geradezu paradox anmutende Besonderheit besteht darin, dass dieser Tiroler letztendlich zu einem Repräsentanten des italienischen Geigenbaus wurde, was fast verwirrender ist als die Rolle, die er als einzelner nicht nur in Absam, sondern auf die weitere Entwicklung des italienischen und deutschen Geigenbaus ausgeübt hat.

Wenn Jacobus Stainer als einer der Repräsentanten der italienischen Geigenbaukunst gilt, so müssen seine Instrumente Merkmale haben, die nur italienische Streichinstrumente aufweisen. Diese Forderung trifft bei ihm in einem höheren Maße zu, als im allgemeinen angenommen wurde.

Nun ist die Beurteilung Stainers hinsichtlich seiner italienischen Provenienz in der einschlägigen Literatur außerordentlich verschieden. Einerseits wird behauptet, Stainer sei ein Schüler des Nicolo Amati oder des Antonio Amati in Cremona gewesen; andererseits findet sich aber wiederholt die Feststellung, dass Stainers Bauweise mit dem Cremoneser Stil wie auch mit dem Brescias so gut wie nichts zu tun habe. Für Cremona ist diese Feststellung sicher nicht richtig, sie trifft für Brescia jedoch durchaus zu. Um in dieser Frage der italienischen Einflüsse auf Stainer zu einem verwertbaren Ergebnis zu kommen, müssen wir noch etwas weiter ausholen. Denn trotz aller italienischen Anklänge (die im einzelnen noch zu verfolgen sind) gibt es etwas "Spezifisches" an Jacobus Stainer, das nicht italienisch ist; das zu definieren, ist jedoch erst möglich, wenn wir uns darüber klar geworden sind, wo Stainer das Geigenbauhandwerk gelernt hat.

In Tirol gab es zur Zeit der Stainerschen Lehre, die zwischen 1630 und etwa 1640 anzusetzen ist, zwar kleinere Lauten- und Violenmacher, wie etwa Christoph Klingler in Rattenberg, aber wohl sicher keinen Meister von dem Rang, der für Jacobus Stainer hätte wegweisend werden können. Also muss Jacobus Stainer auswärts gelernt haben, und das bedeutet in diesem Falle in Italien. Obgleich über die Lehrzeit Stainers in Italien immer noch quellenmäßige Belege fehlen, haben sich die Hinweise verdichtet, die eine genauere Aussage zulassen.

Im Jahr 1792 berichtete der Pfarrer von Absam, der dem Kreisamtsoffizier und späteren Regierungsrat Benedict von Sardagna bei dessen Niederschrift der " Topographie, Statistik und Geschichte des Kreises Unterinntal" als Gewährsmann diente, wörtlich: "Auf die Frage, wie Stainer zum Geigenmachen gelangte", könne er "aus bloßem Vernehmen und zuverläßlich zur Antwort dienen". Stainer "habe sich im Welschland zu Venedig oder, wie andere wahrscheinlicher erachten, zu Cremona aufgehalten, solche Kunst dort erlernet, aber davon geflüchtet, dessen Ursache unbekannt", Jedoch fügt der Schreiber dann hinzu: "Doch sagt mir hiesiger Organist, Johann Kramer, von seinem Vater jederzeit gleichlautend vernommen zu haben, dieser Stainer wäre aus Venedig von seinem Lehrmeister flüchtig gegangen, weil er den Contract, dessen Tochter zu heiraten, nicht gehalten, unter welchem ihm doch diese sondere Kunst, gute Geigen zu machen, wäre beigebracht worden."

Diese Überlieferung, der man den Charakter eines Dokumentes zuerkennen muss, spricht also von seiner Lehre im "Welschland", und sowohl von Venedig als auch von Cremona. Wahrscheinlich trifft beides zu, wie wir noch auszuführen haben werden. Dass Stainer jedoch längere Zeit in Italien war, beweist unter anderem seine völlige Beherrschung der italienischen Sprache, die ihm so geläufig war, dass sie ihm später wort- und satzweise in seine umfangreiche deutsche Korrespondenz einfloss.

Wenn als derjenige Meister, dem Jacobus Stainer ohne Einhaltung des Versprechens eines Ehekontraktes entfloh (oft wurde eine Lehre, die finanziell von dem Lehrling nicht zu verkraften war, für das Versprechen, später eine Tochter des Meister zu heiraten, umsonst angeboten), der Italiener Pietro Vimercati genannt wird, so ist diese Version in den Bereich der Fabel zu verweisen, denn erstens ist Pietro Vimercati erst nach 1640 in Venedig nachweisbar, als Stainer seine Lehre längst beendet hatte, und zum anderen war er ein Meister von nur sehr geringer Bedeutung, der als der entscheidende Lehrer Stainers überhaupt nicht in Frage kommt.

Seine Lehrer in Venedig waren Deutsche, genauer Füssener Meister, und zwar kamen, wie Senn auf
Grund seiner Forschungen annimmt, drei in Frage: Matthäus Seelos, genannt "Sellas", der von 1600 bis 1639 in Venedig nachgewiesen ist, oder Georg Seelos der 1624 und 1627 dort nachgewiesen ist und um 1652 in Venedig starb; ebenso aber der bedeutende Meister Martin Kaiser, der von 1609 bis 1694 lebte und Anfang der dreißiger Jahre des 17. Jahrhunderts durchaus bereits als Meister in Venedig tätig gewesen sein kann. Möglicherweise hat sogar noch der bedeutendste venezianische Lautenmacher, Magnus Tieffenbrucker, gelebt, der zwar von 1557 bis 1621 ausgewiesen ist, von dem man aber allgemein annimmt, dass er einen gleichnamigen Sohn hatte, der dann wohl etwa zu der Zeit des Aufenthaltes Stainers in Venedig tätig gewesen sein dürfte.

Dass die Verbindung Stainers nach Venedig besonders innig war, geht auch noch aus folgendem Umstand hervor: Noch nach seiner Niederlassung als Geigenbauer in Absam weilte er mehrmals (1646 und 1648) für längere Zeit in Venedig, ein Jahr nach seiner Hochzeit in Absam fast ein ganzes Jahr (1646). Diese lange Abwesenheit Stainers von Tirol nutzten zwei Konkurrenten (darunter Georg Seelos), sich 1646 in Innsbruck (wohin Stainer immer gestrebt hatte), als Geigenmacher niederzulassen. (Daraus geht hervor, dass Georg Seelos wohl mehr als ein Mitschüler denn als Lehrer Stainers anzusehen ist.)

Aus diesen nachgewiesenen längeren Aufenthalten in Venedig nach seiner Ausbildung geht auch mit einiger Sicherheit hervor, dass es nicht Venedig gewesen sein kann, aus dem Stainer wegen angeblichen Vertragsbruches hat flüchten müssen, denn es ist kaum vorstellbar, dass man das Jahrs darauf schon vergessen hätte. Es ist also anzunehmen, dass er nach seiner Lehrzeit in Venedig noch kürzere oder längere Zeit in Cremona verbracht hat, worauf wiederum verschiedene Kennzeichen seiner handwerklichen Arbeit hinweisen.

Stainers Instrumente unterscheiden sich zwar deutlich von dem Baustil in Brescia, aber von den Baumerkmalen der Cremoner Amati-Zeit nicht grundsätzlich. Im allgemeinen werden gegenüber Cremona noch folgende Unterschiede angegeben:


- Höhere Wölbung - breiteres und kürzeres Format

- die Decke höher gewölbt als der Boden

- ff-Löcher zierlich und kurz, die unteren Enden in kreisrunde Löcher auslaufend

- die Schnecken weit und bogig geschweift



Jacobus Stainer verwendete drei verschieden große Modelle bei den Violinen, die aber in der Form und in den Proportionen untereinander sehr ähnlich sind. Gut erhaltene und einwandfrei echte Instrumente von Stainer sind überaus selten, viele stammen von Egidius Klotz oder anderen Mittenwälder Meistern. Stainer ist insgesamt der am meisten kopierte Geigenbauer geblieben. Die Seltenheit seiner Instrumente trägt dazu bei, seinem Namen einen Nimbus von Geheimnis zu geben, für den allein seine unglückliche Biographie sorgen könnte.

Die Unterschiede der Arbeit Stainers und der gleichzeitiger Cremoneser Meister sind jedoch nur sehr relativ. Die ff-Löcher der Amati - Instrumente zur Zeit Stainers sind ebenfalls sehr kurz, möglicherweise stehen sie jedoch schräger als die Stainers. Gemeinsam mit Cremona ist beispielsweise das starke Hervortreten der Ecken (gegenüber den langen, starr wirkenden Instrumenten Brescias), ähnlich ist auch der Schnitt der Schnecke, der durchaus nicht auf die späteren Merkmale der Venezianer hinweist. Auch die Tatsache, dass Stainer statt Schnecken geschnitzte Köpfe (vor allem Löwenköpfe) verwendet hat, könnte ein weiterer Hinweis auf seine Bindung an Venedig sein: die Löwenfiguren auf dem Marktplatz waren ja wichtige und für Venedig charakteristische Embleme.

Das dritte, sternförmige Schalloch unter dem Griffbrett ist auf den wenigsten Instrumenten von Stainer zu sehen; auch diese Besonderheit war fakultativ, nicht regelmäßig vorhanden. Die größte Gemeinsamkeit mit Cremona besteht jedoch in zwei unübersehbaren Merkmalen: einmal in der den ersten Meistem Cremonas ebenbürtigen Sorgfalt und Kunstfertigkeit seiner Arbeit, und zweitens in der Qualität und auch in den Farbtönen seines dem Cremoneser Lack vergleichbaren Firnisses, der das gleiche untergründige Feuer, das von innen Leuchtende aufweist.

Es ist also wohl keine Frage, dass Jacobus Stainer, nachdem er in Venedig eine gründliche Lehre durchgemacht hatte und dort der Schüler von deutschen (d. h. Füssener) Meistern gewesen war, sich noch in Cremona einige Zeit aufgehalten und das entscheidend "Italienische" dazugelernt hat. Offenbar hat Stainer in Cremona sogar eine Zeitlang selbständig gearbeitet, denn es gibt Geigenzettel von ihm, die Cremona als Entstehungsort angeben. Bislang sind diese Etiketten nicht als Falsifikate nachgewiesen worden.

Vielleicht hat Stainer gerade mit dieser selbständigen Arbeit und Signatur das Missfallen der Cremoneser Meister erregt; denn selbst wenn er den Meisterbrief aus Venedig mitgebracht hätte, wäre damit - zumal für den Deutschen - noch nicht das Zunftrecht in Cremona verbunden gewesen. Es ist also nahe liegend, dass Stainer aus solchen Gründen aus Cremona "geflüchtet" ist, das er - im Gegensatz zu Venedig - späterhin gemieden zu haben scheint.


Jacobus Stainer steht wie ein Erratblock in der blühenden Gartenlandschaft des italienischen Geigenbaus. Er wirkte darin wie ein Findling, der von einem anderen Gestirn gekommen war und der fernwo weiterglomm: denn schon zu seinen Lebzeiten wussten die wenigsten, was in dem Tiroler Absam, in dem italienische Geigen gebaut wurden, eigentlich geschah. Man wusste zu wenig über seine (drei) Modelle, über seine Arbeit im einzelnen, über die Zahl
der von ihm verfertigten Instrumente. Man ordnete ihm einen Bruder Marcus und andere Gehilfen und Schüler, sogar Egidius Klotz, als Ahnherr der späteren fruchtbaren Tradition in Mittenwald, zu. Walter Senn hat alle diese Versionen widerlegt. Jacobus Stainer hat keinen Bruder Marcus gehabt, der, dazu Angehöriger eines Mönchsordens, zwar als Geigenbauer nicht gerade bedeutend, aber immer noch ein beachtlicher Meister gewesen sei. Den wenigen bekannten Geigen mit dem Zettel "Marcus Stainer" ist mit Vorsicht zu begegnen, denn dieser Bruder Marcus hat ebenso wenig existiert wie andere Gehilfen oder Schüler. Nur für die Ausführung von groben Arbeiten, vor allem das Ausschachteln von Kontrabässen, hat Stainer zeitweise einen Lehrbuben eingestellt, ihn dann aber immer wieder entlassen. Die Dynastie der Klotz in Mittenwald hat zwar das Patron von Stainer übernommen, jedoch hat nachweislich kein Mitglied der Familie Klotz bei Stainer eine Lehre durchgemacht.


Stainer ist überhaupt ein Mann gewesen, von dessen Format wir uns kaum eine Vorstellung machen können. Als Sohn einfachster Verhältnisse hat er sich bereits in seiner Schulzeit eine gediegene Bildung, auch eine hervorragende Beherrschung der Violine, angeeignet. Durch seinen langen Aufenthalt in Italien und durch seine Wanderzeit danach ist er zu einem gewandten, nahezu gebildeten Mann geworden. Er führte eine umfangreiche Korrespondenz, da er die meisten der Bestellungen schriftlich bekam und auch schriftlich beantwortete. Er war einerseits von einer genial zu nennenden geistigen Selbständigkeit, andererseits aber noch mit all der Derbheit bedacht, die ein Mann des Volkes hat. Raufhändel waren ihm nichts Unbekanntes, und er hat manche Schramme davon zurück behalten.


Jacobus Stainer war wohl der einzige große Geigenbauer, der das Violinspiel ebenso virtuos wie seelenvoll beherrschte: das verleiht ihm des weiteren einen einsamen Rang. Immer wieder erregte er als Violinist die Bewunderung des Landesherrn, des Erzherzogs Karl Ferdinand, und seiner Gemahlin, der Erzherzogin Claudia von Medici. Da an der Innsbrucker Hofkapelle (an der Stainer einstens Sängerknabe war) zahlreiche hervorragende italienische Geigenvirtuosen tätig waren, bezeichnete diese Einschätzung Stainers vonseiten des Herrscherpaares ein verlässliches Urteil über seine geigerische Qualifikation.


Alle Experten sind sich eigentlich darin einig, dass Jacobus Stainer in seiner Erfindungskraft, in der Vollkommenheit seiner Arbeit und damit letzten Endes mit seinem Ingenium Antonio Stradivari nicht nachstand. Stainer hat sogar zunächst mehr Erfolg gehabt als Stradivari, der bei Stainers Tod noch Schüler von Nicola Amati war und Stainer um
54 Jahre überlebte. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war das Klangideal Stainers, sein süßer und silberner, in kleinen Räumen ungemein bezaubernder Geigenton wesentlich mehr geschätzt als der sich voll entfaltende, üppige Ton der großen Cremoneser Violinen, die sich seit etwa 1850 die Konzertsäle wegen ihrer dominierenden Kraft eroberten. So blieb Stainer auf die Jahrhunderte hin, gegenüber Stradivari, der dauerhafte Erfolg versagt. Verglichen mit Stradivari
war Stainer sicher auch weniger ausgeglichen; sein viel kürzeres Leben floss nicht so gleichmäßig und im äußeren Bestand gesichert dahin. Seine eruptive und temperamentvolle Art schuf sich manche Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten im täglichen Leben. So hatte er mit einem von ihm offenbar nicht ganz ernst genommenen, vielleicht nicht einmal unredlichen Händler einen jahrelangen Ärger. Er wurde ferner, was ihm am meisten seelisch zusetzte, wegen der Lektüre und des Besitzes der lutherischen Bibel in einen lähmenden und demütigenden Prozess vonseiten der Kirche, schließlich auch der staatlichen Behörden verwickelt, der sein Selbstbewusstsein und seine Lebenskraft unterhöhlte.

So litt er in den letzten 13 Jahren seines Lebens zusehends mehr unter anfallsweise auftretenden geistigen Störungen, und seine bisher unbehinderte Produktivität wurde geringer und unsicher; sein Arbeitstempo ließ, von grübelndem Denken abgelenkt, nach. So war er schließlich, obgleich seine Arbeiten gefragt waren und gut bezahlt wurden, nicht mehr imstande, seine zehnköpfige Familie zu ernähren. Da Stainer ein gewisses Ebenmaß, vor allem die romanische Nüchternheit und Lebenstüchtigkeit fehlte, wurde seine Genialität von den Widrigkeiten des Alltags zerrieben.


Mit freundlicher Genehmigung der Bayer AG

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