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Die Beurteilung von Streichinstrumenten
Aus den bisherigen Ausführungen dürften zwei Sachverhalte deutlich geworden sein:
1. Die These von der Objektivität, Verbindlichkeit und Suffizienz der stilkundlichen Analyse nur sichtbarer Merkmale ist eine Fiktion.
2. Die Behauptung von der Nichtobjektivierbarkeit des Klangs ist eine nur halbe Wahrheit.
Um die nicht unerheblichen Fehlerquellen bei einer nur äußerlichen Beurteilung auszugleichen, muss dem Klang die gebührliche Aufmerksamkeit und Mitberücksichtigung zuteil werden. Nahezu alle äußeren Kriterien können mehr oder minder täuschend nachgeahmt werden (mit Ausnahme eines hochwertigen, altitalienischen Lacks); nicht aber der kenn- zeichnende Ton, den ein begabtes und geschultes Ohr fast immer zu erkennen vermag.
Man sollte meinen, das Wissen um die Präponderanz des Tons sei eine Binsenwahrheit, da es sich bei Streichinstrumenten ja in erster Linie um Tonwerkzeuge und erst in zweiter Linie um ästhetische Kunstwerke handelt, wobei aber nicht die primäre Komponente vollständig oder weitgehend ausgeklammert werden darf.
Auch der Beurteilung des Klanges wohnen Täuschungsmöglichkeiten inne, sowohl nach der positiven wie nach der negativen Seite hin. Die hier bestehenden Schwierigkeiten dürfen aber nicht dazu verleiten, den Klang als unerhebliche oder nicht beurteilbare Größe ganz zu vernachlässigen.
Um die Schwierigkeiten bei der klanglichen Beurteilung anzudeuten, seien einige extreme Möglichkeiten scheinbar paradoxer Situationen erörtert.
1. Eine hochwertige Violine der italienischen Spitzenklasse kann - trotz wohlerhaltenem Äußeren - klanglich unbefriedigend sein. Sie kann behebbare oder definitive Schäden aufweisen (letztere sind dann meist auch eine Beeinträchtigung des äußeren Erhaltungszustands), die für den Klang maßgeblich sind. Die Diskrepanz zwischen optischem Bild und nicht angemessenem Klang hat keine Folgen für die Zuordnung des Instruments zu dem betreffenden Meister; eventuell für den Kaufpreis, am empfindlichsten aber für den Spieler, der, wenn das Klangdefizit nicht zu beheben ist, auch mit dem Instrument eines großen Meisters schlecht bedient ist.
2. Eine Violine niedrigster, dazu nichtitalienischer Provenienz kann nicht klingen wie eine - auch tonlich einen Optimalzustand aufweisende - Geige von Stradivari.
3. Eine Violine angeblich niedriger Provenienz mit einem Tonvolumen, das unter erprobten Bedingungen demjenigen eines bedeutenden italienischen Meisters ebenbürtig ist, kann nicht irgendwelcher belangloser, z. B. sächsischer Herkunft sein.
Die erste These ist allgemein anerkannt. Die Thesen 2 und noch mehr 3 dürften als weitgehend ketzerisch gelten, obgleich sie die logische Konsequenz aus der Tatsache darstellen, dass es sich hier in erster Linie um Tonwerkzeuge handelt und dass der überlegene und große Ton die seit langem gültige Rangordnung der italienischen Meister untereinander etabliert hat (und nicht die Perfektion und der künstlerische Rang des Äußeren).
Vernachlässigt man den Klang und seine primäre und grundsätzliche Wichtigkeit, so ist eine Konsequenz unausweichlich, die eine Umwertung aller Werte bedeuten würde: die Möglichkeit nämlich, dass auch ein beliebiges Instrument nicht definierbarer Provenienz, sei es durch Zufall oder infolge geschickter Berechnung, die gleiche Größe und Schönheit des Tons aufweisen könnte wie ein solches der absoluten Spitzenklasse. Man braucht diesen Gedanken gar nicht weiter auszuspinnen, um seine Paradoxie ad absurdum zu führen.Wäre dem nämlich so, dann wären alle Liebhaber und Berufsgeiger Illusionisten, die für das Phantom des großen und beherrschenden Tons ein Vermögen zu opfern bereit sind, während sie das gleiche Ideal für einen Bruchteil des bezahlten Preises haben könnten. (Man beachte noch einmal: die Erfüllung des individuellen Tonideals kann man u. U. schon billig realisieren, der größte und schönste Ton indessen ist sehr teuer und nicht bei beliebigen billigeren Instrumenten zu finden.)
Gleichzeitig würden durch eine solche Auffassung auch die italienischen Meistergeigen entwertet: sie sind das Miteinander von äußerer handwerklich-künstlerischer Vollendung und des schönstmöglichen Streicherklangs.
Die Beurteilung einer Geige ist ein schöpferischer Akt hoher Potenz, und er ist mehr als die Addition von Details. Oft ist der Gesamteindruck wichtiger als die von den Einzelheiten ausgehenden Hinweise. Der Rang einer Geige drückt sich fast immer, auch wenn der Meister noch gar nicht feststeht, in ihrem "Gesicht", ihrer Prägung, in der in ihr zutage tretenden "Handschrift" aus. Dem Phänomen Geige gerecht zu werden, heißt ebenso das Ganze wie die Einzelheiten zu sehen, es heißt auch, gewisse zunächst aus dem Rahmen fallende Merkmale dem Gesamteindruck unterzuordnen, und es heißt erst recht, einen Sinn zu entwickeln für ihre eigentliche Bestimmung, den Klang.
Im heute üblichen Handelsgebrauch werden die Instrumente der italienischen Spitzenklasse vor allem nach dem ästhetischen Kunstwert (der Perfektion des Handwerklichen und dem Merkmal der Wohlerhaltenheit) sowie der Seltenheit des Objekts bewertet. Die den Kaufpreis mindernden Schäden beeinträchtigen oft nur das Äußere, nicht aber den Klang.
So mindern, um nur einige Beispiele zu nennen, falsche Schnecke, Lackretuschen, Risse oder sonstige Schäden (wenn sie gut repariert sind) den Klang überhaupt nicht oder nicht nennenswert, sie reduzieren den Preis indessen erheblich. Die mit dem Instrument verbundene Klangschönheit wird zu wenig in Rechnung gestellt, oft wird sie vorausgesetzt, was in manchen Fällen gar nicht zutrifft.
Die klanglichen Mängel sind dann definitiv, wenn etwa eine erhebliche Verdünnung der originalen Holzstärken erfolgt ist - das "Ausschachteln" wurde leider eine Zeitlang geübt, um die Ansprache zu erleichtern und die Lautstärke des Tons am Ohr des Spielers zu erhöhen. Klangliche Mängel sind indessen zu beseitigen, wenn etwa der Bassbalken erschöpft ist oder ein Instrument unter falschen Spannungsverhältnissen seiner einzelnen Teile zusammengesetzt wurde, wenn der Bassbalken zu schwach oder zu stark war und bei vielen anderen Unstimmigkeiten.Der Klang eines Instrumentes kann unbefriedigend sein, weil es (z. B. nach grundlegenden Reparaturen oder der Erneuerung des Bassbalkens) noch nicht genügend eingespielt ist. Gar mancher Besitzer oder Spieler eines Instruments von Stradivari hat sich mit dem, wie er glaubt, unvermeidlichen "Wolf" abgefunden (ein heiser-schnarrender Interferenzton vor allem in einer gewissen Lage meist der 3. Saite), obgleich er den Wert seines Instrumentes viel mehr beeinträchtigt und mindert, als es eine falsche Schnecke tun würde. Wohl manche Instrumente, auch in angeblich befriedigendem Klangzustand, wären noch erheblich in ihrer Tongröße und Schönheit zu verbessern. Das wird aber erst möglich werden, wenn das gleiche spezialisierte Interesse, das der äußere Zustand der Instrumente auf sich gezogen hat, auch dem klanglichen Zustand zugewandt wird.
Mit freundlicher Genehmigung der Bayer AG
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