Das Streichquartett

Das Streichquartett besteht in seiner klassischen Zusammensetzung aus Streichern für zwei Violinen, einer Bratsche und einem Cello, wobei für diese drei Instrumente auch die gleichbedeutenden Bezeichnungen Geige, Viola und Violoncello verwendet werden. Als Begriff ebenso für das Ensemble in seiner Besetzung selbst wie auch für entsprechende Kompositionen zum Einsatz kommend, stellen Quartette seit der Wiener Klassik bis zur heutigen Zeit die bedeutendste Gattung der Kammermusik dar. Bekannte Noten von Komponisten wie Schönberg und Mendelssohn seien hier ergänzend erwähnt.

Instrumente und Streicher

Unverkennbarer Teil der Besetzung bei einem Quartett ist stets die Violine, die hinsichtlich des Namensursprunges die Bedeutung einer „kleinen Viola“ trägt und im deutschen Sprachraum auch als Geige bezeichnet wird. Während das Wort Geige im Mittelalter noch zur Benennung aller Arten von bogengestrichenen Saiteninstrumenten diente, wird es heute lediglich als Synonym für die Violine verwendet. Diese zeichnet sich durch ihren hellen Klang und ihre hohe Dynamik aus, wodurch sie bei jedem Ensemble deutlich herauszuhören ist. Nicht zuletzt aus diesem Grund sowie aufgrund der Tatsache, dass sie bei vielen Kompositionen die tragende Melodiestimme inne hat, ist die Violine eines der wichtigsten Instrumente der klassischen Musik im Allgemeinen und speziell der Kammermusik. Als klassisches Soloinstrument werden die vier Saiten – g, d', a' und e" – wie es typisch für Streichinstrumente ist, mit einem Bogen gestrichen. Gespielt wird dabei nach dem Violinschlüssel mit dem Grundton G.

Die Bratsche tritt in einem Quartett im Unterschied zur Geige nicht so dominant hervor, spielt jedoch eine ebenso wichtige Rolle. Während die Violinen mit ihrem hellen Klang die Melodie bestimmen und das tiefe Cello den Bass verkörpert, stellt die Bratsche die Vermittlung zwischen Hoch und Tief dar. Sie bildet die Basis für die filigranen Töne der Geige und verdichtet den Klang, wodurch ihre Aufgabe in einem jeden Streichquartett nicht zu unterschätzen ist. Daneben gibt es jedoch auch Kompositionen, bei denen die Bratsche eine Solostimme übernimmt und auch bei diesen Stücken wirkt sie akustisch bereichernd. Gestimmt sind die Saiten einer Viola, die optisch wie eine größere und tiefer klingende Variante der Violine erscheint, auf c-g-d'-a'.

Das dritte Instrument in einem klassischen Quartett, das Violoncello oder in der abgekürzten Form auch Cello, fällt zunächst einmal durch seine Größe auf. Im Unterschied zu den anderen beiden Instrumenten, die an die Schulter gelegt werden, wird dieses Streichinstrument stets im Sitzen gespielt und dabei zwischen den Knien gehalten. Mit seinen tiefen und warmen Klängen sorgt das Cello für den Bass und verfügt dabei über einen Tonumfang vom großen C bis hin zu e"'. Im Vergleich zur Bratsche ist das Violoncello eine Oktave tiefer gestimmt mit C-G-d-a.

Historische Entwicklungen

Die Ursprünge des Streichquartetts mit seiner typischen Besetzung aus zwei Violinen, einer Viola und einem Violoncello liegen im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts, als sich derartige Kompositionen unter anderem aus der barocken Triosonate entwickelten. War es in der Barockmusik noch üblich gewesen, dass das Cello lediglich eine begleitende Rolle im Generalbass spielte, so wurden ihm einhergehend mit einer zunehmenden Gleichberechtigung der Stimmen allmählich auch solistische Passagen zugeteilt. Dies führte zur Herausbildung des vierstimmigen Satzes des Streichquartetts, wodurch sich auch die Abgrenzung des kammermusikalischen zum orchestralem Satz ergab.

Die Entstehung des Streichquartetts als Gattung der Kammermusik lässt sich gegen Ende der 1750er-Jahre durch Joseph Haydn und Luigi Boccherini in Mailand ausmachen, auch Mendelssohn sei hier erwähnt. Allerdings hatten auch Matthias Georg Monn und Georg Phillip Telemann zu dieser Zeit bereits Kompositionen für Streichquartett in seiner vierstimmigen Besetzung präsentiert. Bis heute ist es jedoch Haydn, der allgemein als Vater des Streichquartetts gilt, da es durch seine Werke und seinen Kompositions-Stil, die auch Vorbild für nachfolgende Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven waren, wesentlich geprägt wurde.

Bedeutung in der Wiener Klassik und heute

Seine Blütezeit erfuhr das Quartett für Streicher (im Englischen Strings) in der Wiener Klassik (circa 1780 bis 1827), die wesentlich durch die Werke von Haydn, Mozart, Mendelssohn und Beethoven bestimmt war. Allein Haydn komponierte mehr als 70 Streichquartette und entwickelte seinen Stil dabei stets weiter. Während in seinen frühen Kompositionen Opus 1 und 2 noch keine strenge Sonatenform festzustellen ist, lassen sich bei Opus 9 und 17 bereits typische Ansätze des klassischen Streichquartetts-Stils ausmachen. Abgerundet wurde dies durch den meisterhaften Stil bei den sechs Quartetten des Opus 76, die sich durch tragende und zugleich voranstrebende Sätze auszeichnen.

Das bekannteste Quartett darunter ist die zu Ehren Kaiser Franz komponierte Kaiserhymne. Dieses Kaiserquartett ist heute die Melodie der deutschen Nationalhymne. Auch Mozart und Beethoven knüpften an den Stil der Werke Haydns an, setzen sich mit seiner kompositorischen Technik auseinander und bildeten auf diese Weise ihren eigenen Stil heraus. Somit bilden diese drei Komponisten die musikalische Trias der Wiener Klassik. Charakteristisch für ihre Art der Komposition sind dabei der durchbrochene Stil, das obligate Akkompagnement und die motivisch-thematische Arbeit. Diese Verfahren wurden hauptsächlich von Haydn in der Kammermusik mit seinem typischen Streichquartett entwickelt.

Aber auch in der Oper bei Mozart, in der Orchestermusik und der Geistlichen Musik bei Beethoven ist dieser Kompositions-Stil erkennbar. Dadurch zeichnet sich das Streichquartett auch durch seine besondere Bedeutung für andere Stilrichtungen der europäischen Kunstmusik aus. Mit Haydns Komposition der „Russischen Streichquartette“ im Jahr 1781 kristallisiert sich schließlich der klassische Stil heraus, den Mozart ein Jahr später adaptierte. Er komponierte von 1782 bis 1785 sechs, seinem Vorbild Haydn gewidmete Quartette, die sich an diesem neuen Stil orientierten. Darauf folgt die Vollendung der „kleinen Nachtmusik“ im Jahr 1887, die bis heute eine der beliebtesten Werke Mozarts ist. Hierbei erweiterte er die klassische Besetzung des Streichquartetts aus zwei Violinen, einer Viola und einem Violoncello mit einem Kontrabass, wobei die Stimmen heute oftmals mehrfach besetzt werden.

Ebenso wurde auch Beethoven in seiner Entwicklung wesentlich durch Haydn geprägt und dies insbesondere auch auf dem Gebiet der Kammermusik, ging er seit seiner Ankunft in Wien 1792 doch regelmäßig zum Unterricht bei seinem renommierten Lehrer. Somit sind auch der Entwicklung des klassischen Streichquartetts durch Haydn die bis heute weltberühmten Kompositionen Beethovens zu verdanken. Er selbst komponierte 16 Streichquartette, darunter die sechs Quartette von 1801, weitere aus den Jahren 1806 bis 1810 und seine späten Quartette, die er erst wieder ab 1824 schuf. Auch Felix Mendelssohn komponiert nicht wenig solcher Symphonien.

Auch heute ist das Streichquartett noch eine der wichtigsten Gattungen der Kammermusik. Die Besetzung setzt es sich dabei nicht mehr nur aus einem Orchester heraus zusammen, sondern vielmehr in Form eines eigenständigen, freischaffenden Ensembles. Im Hinblick auf die Kompositionen von Streichquartetten taten sich auch in den jüngsten Jahrzehnten einige Komponisten mit Werken hervor, die sich durch eine Vielfalt an Kompositionsstilen auszeichneten. Zu den besonders prägenden Kompositionen im 20. Jahrhundert zählen beispielsweise die 15 Streichquartette Schostakowitschs. Experimentierfreudig und außergewöhnlich präsentieren sich hingegen die Kompositionen von Karlheinz Stockhausen, der mit einem Helikopter-Streichquartett für musikalische Furore sorgte. Das Ensemble bei der Premiere im Jahr 2007 in Braunschweig setzte sich aus vier Helikoptern mit vier Musikern an Bord zusammen, deren Klänge in Kombination mit der Geräuschkulisse in eine Zuhörerhalle übertragen wurden.

Besonderheiten in Klang und Komposition

Die Besonderheiten in Klang und Komposition bei Streichquartetten liegt zunächst einmal in der Gleichberechtigung der Stimmen. Nicht zwangsläufig muss nämlich, wie es in der Barockmusik noch Gang und Gäbe war, die Violine die tragende Rolle der Melodie einnehmen, denn ebenso können in Streichquartetten auch Bratschen eine Solostimme spielen. Daneben sind auch Solopassagen des Cellos, das sonst meist lediglich für einen untermalenden Bass sorgte, nicht mehr undenkbar. Ebenso zeichnet sich das Streichquartett, dessen Instrumente allesamt aus demselben Material, gefertigt werden, durch einen besonders harmonisch wirkenden Klang und die im Unterschied zu Orchestern kleine Besetzung des Ensembles aus.

Im Hinblick auf die Komposition der Streichquartette liegen die Besonderheiten insbesondere in den bereits erwähnten Merkmalen durchbrochener Stil, obligates Akkompagnement und motivisch-thematische Arbeit, die zwar in beinahe allen Gattungen Verwendung finden, aber vornehmlich innerhalb der Kammermusik mit seinen Streichquartetten durch Haydn entwickelt wurden. Kennzeichnend für den durchbrochenen Stil, der auch als durchbrochene Instrumentation bezeichnet wird, ist der Wechsel der Instrumente beim Spiel der Melodie, denn diese bleibt stets erhalten, wird jedoch von verschiedenen Instrumenten fortlaufend dargestellt, wodurch sich abwechselnd neue Klangfarben ergeben.

Das obligate Akkompagnement weist hingegen auf eine andere Neuerung im Vergleich zur Barockmusik hin, die zunächst in der Kammermusik angewandt wurde und einige Jahrzehnte später auch in andere Gattungen Einzug gehalten hatte. Bestand die Begleitung der Melodie bei der Barockmusik noch im Zeichen des Generalbasses, der oftmals sehr frei in der Besetzung und Ausführung der Begleitung war, so verlor dieser allmählich an Bedeutung. Stattdessen wurde dazu übergegangen, eine exakte Notierung der Begleitung vorzunehmen und diese ebenso genau zu instrumentieren. Die Besonderheiten bezüglich der Komposition von Streichquartetten liegt daneben aber auch in der motivisch-thematischen Arbeit, die als zentrales Kennzeichen der Gestaltung in der Wiener Klassik gilt und häufig der Entwicklung durch Haydn zu Gute gehalten wird. Während im Barock noch der kontrapunktische Stil bei Kompositionen vorherrschte, lag der Fokus in den Streichquartetten der Wiener Klassik vermehrt auf der Entwicklung eines Werkes aus wenigen Motiven oder Themen, die in abgewandelten, überarbeiteten Varianten wiederholt werden können.

 

Copyright Benjamin Fastner 

 

 

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